Zieralgen aus dem NSG Stockauwiesen
Einem Durchströmungsmoor bei Innenried- Zwiesel
Angeregt durch den interessanten Artikel über die Torfmoose im NSG Stockauwiesen von Herrn U. Teuber im Dezemberheft 2003 „Der Bayerische Wald“ bin ich auf das Moor aufmerksam geworden.
Nach der Einholung einer befristeten Genehmigung zum Betreten und zur Entnahme von Wasserproben im NSG durch die Regierung von Niederbayern wurde das gesamte Gebiet im Frühjahr und Herbst 2005 auf das Vorhandensein von Zieralgen untersucht.
Das Gesamtergebnis ergab eine überraschende Artenvielfalt von Desmidiaceen.
Damit der Bericht über die Zieralgen beim Leser mehr Zugang findet, evtl. sogar das Interesse geweckt wird, sich mit diesem Thema einmal selbst etwas mehr zu beschäftigen, wird eine ausführliche Einführung vorausgeschickt, welche in der Absicht entstand, dem interessierten Leser eine kleine „Arbeitsunterlage“ als Anregung zur Hand zu geben.
Was sind Zieralgen
Allgemein gehören die Algen zu den so genannten „niederen Pflanzen“ wie etwa Bakterien/Pilze/Flechten/Moose- sie umfassen jene Pflanzengruppe, die sich durch ihren „scheinbar“ einfachen Bau von den höheren Pflanzen unterscheidet.
Die Algen sind in 13 Stämme unterteilt und jeder Stamm hat seine eigene genetische Entwicklung im Laufe von Jahrmillionen durchgemacht.
Der Stamm der Grünalgen enthält die Ordnung der Desmidiales- dazu gehören auch unsere formenreichen Zieralgen, mit etwa 36 verschiedenen Gattungen.
Algen sind Pflanzen, die sich von den uns sichtbar umgebenden Pflanzen dadurch unterscheiden, dass sie - neben ihrer Kleinheit - kein Gewebe ausbilden, also weder Stamm, noch Wurzel und Blatt haben.
Wie bei Pflanzen üblich, assimilieren auch sie mit Hilfe des Pflanzenfarbstoffes Chlorophyll und des Sonnenlichtes.
Sie vermehren sich vorrangig vegetativ durch Zellteilung, wobei ein spezifisches Merkmal dieser Algenfamilie die Zweiteilung der Zellen in spiegelgleiche Zellhälften ist, sodass jede Zelle immer symmetrisch aufgebaut ist.
Der Formenreichtum der Zieralgen wird durch ihren Gattungsnamen in eine gewisse Ordnung gebracht.
Wo finden wir Zieralgen
Desmidiaceen leben im Süßwasser oder aerophytisch, z.B. auf feuchter Erde oder auf Felsen.
Sie besiedeln kein Brack- oder Salzwasser und meiden weitgehend Fließgewässer. Wenige Arten sind aber auch in Stillwasserzonen von Bächen (außerhalb der eigentlichen Strömung) zu finden.
Nur ein kleiner Teil der Arten gehört zum Phytoplankton, die meisten siedeln dort in Uferzonen von See und Teichen als Aufwuchs auf Pflanzen, Steinen, Sand.
Der bevorzugte Lebensraum sind jedoch Randbereiche von Mooren, wo in Schlenken, Gräben, alten Torfstichen und Schwingrasenbereichen von Moorseen der Artenreichtum am größten ist.
Das Artenspektrum kann dabei von Standort zu Standort recht verschieden sein. Ganz allgemein kann jedoch gesagt werden, dass das Vorkommen der Desmidiaceen auf vorwiegend nährstoffarme, unbelastete Gewässer beschränkt ist und nur wenige Arten mit großer Anpassungsfähigkeit auch in mäßig verunreinigten Gewässern zu finden sind.
Sammeln von Desmidiaceen
Für offene Wasserstellen und deren Randzonen, wo direktes Betreten nicht möglich ist benötigt man ein Planktonnetz.
Weit wichtiger aber ist für unsere Zwecke eine kleine Pipette (Einwegspritze aus Kunststoff)- damit ist ein „gezieltes“ Absaugen des Bodenbelages und der bei intensiver Sonnenbestrahlung vom Gewässergrund aufsteigenden Algenflocken sehr leicht zu bewerkstelligen.
Ob sich das Sammeln am jeweiligen Fundort rentiert, d.h. ob interessantes Algenmaterial in der Wasserprobe vorhanden ist, können wir vor Ort prüfen, indem wir ein par Tropfen der entnommenen Probe in der Handfläche mit einer 10 15 fach Lupe durchmustern.
Zum Transport und zur Aufbewahrung haben sich transparente Filmdosen bestens bewährt - mit Aufklebern versehen können die Dosen den Fundort und das Datum aufzeigen.
Zur längeren Aufbewahrung können zur Konservierung der Probe jeweils ein par Tropfen Formalin beigegeben werden leider ist damit ein Schrumpfen des Chloroplasten verbunden.
Mikroskopische Untersuchung und Dokumentation
Wenn wir mit unseren „Proben“ wieder zuhause angekommen sind, empfiehlt es sich diese an einem Nordfenster zu deponieren, damit sie vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt sind.
Je nach Reinheit des Wassers können wir selbst nach Wochen die Proben immer wieder zu weiteren Untersuchungen heranziehen.
Ein hoher Anteil von Einzellern, Würmern, Larven ..vermindert nach deren Absterben schnell die Wasserqualität und führt sehr bald auch zum Absterben der Desmidiaceen.
Um beim Entnehmen von Algen aus den Filmdosen fündig zu werden, empfiehlt es sich mit dem Abpipetieren einige Stunden nach dem Transport zu warten, bis sich das Material gesetzt hat.
Schon nach wenigen Stunden in ruhiger Lage kriechen die Desmidiaceen an die Oberfläche des Bodensatzes - sie bilden dabei „bäumchenartige“ Ansammlungen.
Beim Abpipetieren dieses Bereiches erhält man nahezu „reines“ Material, welches dann auf den Objektträger gebracht wird.
Allgemein reichen zur Untersuchung von Zieralgen Mikroskopvergrößerungen von 100 bis 400 fach aus.
Eine eingebaute, regelbare Beleuchtung ist sinnvoll.
Diafilme mit 50 100 ASA ergeben im Analogbereich die besten Ergebnisse, digitale Kameras bringen bei 100 200 ASA Einstellungen sehr gute Ergebnisse.
Ein Kreuztisch vereinfacht das Durchsuchen der Präparate.
Wichtig ist ein sog. Messokular, um die Größe der Gefundenen Objekte feststellen zu können, sie ist zur zuverlässigen Bestimmung der Arten meist unbedingte Voraussetzung.
Weitere Hinweise über den geeigneten Ausbau eines Mikroskopes sowie über Mikrofototechnik würden den Rahmen dieses Beitrages sprengen.
Der Autor ist jedoch gerne bereit, auf einzelne Leseranfragen soweit möglich gesondert einzugehen.
Bestimmung von Zieralgen
Damit wir wissen, welche „Raritäten“ wir auf unserer Exkursion mit nachhause gebracht haben, sind zu deren Bestimmung einige wesentlichen Punkte wichtig.
Zunächst benötigen wir natürlich neben einem Mikroskop gute Bestimmungsliteratur siehe Anhang.
Die wichtigsten Angaben zur genauen Bestimmung sind
° Größe (Länge + Breite) sowie Verhältniszahl L/B
° Form (bei Closterien zusätzlich der Apex)
° Oberflächenstrukturen (Zellwand mit Rippen, Stacheln, Warzen, oder glatt)
° Chloroplastform
° Angaben zum Fundort
° Wenn möglich Notiz des Ph Wertes.
Eine wesentliche Bestimmungshilfe stellt das Fotografieren bzw. Zeichnen der zu bestimmenden Alge dar.
Zum Zeichnen ist es vorteilhaft mit bereits fixiertem Material zu untersuchen.
Lebende Algen haben nämlich manchmal die „unangenehme Eigenheit“, sich nach kurzer Zeit aus dem hellen Mikroskoplicht seitlich wegzudrehen, sodass man ihre typische Form nicht mehr erkennen kann.
Für lebendes Material bietet sich natürlich neben der analogen die digitale Fotografie an, weil man das digitale Bild anschließend auf dem Monitor „eingefroren“ betrachten kann, um dann in aller Ruhe die Bestimmung anhand der Literatur vorzunehmen.
Nach langjähriger Erfahrung kann man sich dann auch zutrauen, bei schwierigen Arten sogar die zugehörige Varietät zu bestimmen.
Im NSG Stockauwiesen gefundene Zieralgen Gattungen und Arten
Aus Platzgründen beschränkt sich die Beschreibung der einzelnen Arten nur auf das Wesentliche. Für eigene Untersuchungen wird auf die angeführte Literatur hingewiesen.
Um die Wertigkeit der einzelnen Objekte noch etwas hervorzuheben wird die“ Rote Liste der Zieralgen (Desmidiales) Deutschlands“ mit herangezogen.
Hiernach bedeuten:
0 ausgestorben bzw. verschollen
1 vom Aussterben bedroht
2 stark gefährdet
3 gefährdet
Hinweis:
Obwohl die vorgefundene Artenvielfalt im NSG wirklich überrascht hat, muss davon ausgegangen werden, dass nach der Auswertung der gesammelten Proben (Frühjahr/ Herbst) das Moor Stockauwiesen damit nicht als vollständig erfasst angesehen werden kann.
Als besonders erfreulich ist der sehr seltene Fund von Cosmarium brebissonii zu bezeichnen und als kleine Sensation ist der Fund von Roya obtusa var. anglica zu bezeichnen.
Dem Autor ist nicht bekannt, ob diese Rarität bisher in Bayern gefunden wurde. Leider ist sie vom Aussterben bedroht.
Artenliste der Aufsammlungen in Kurzform
Teilweise durch Mikroaufnahmen ergänzt.
Die Hinweise zum Vorkommen beziehen sich nicht auf das NSG
Die Maßangaben beziehen sich jeweils auf µm.
Gattung Closterium:
Cl. angustatum Länge 250-500µm
Breite 19-28µm L/B 12-20
Vorkommen : verstreut
gefährdet
3
Cl. archerianum Länge 200-270
Breite 18-28 L/B 9-12
nicht selten
2
Cl. closterioides Länge 200-300
Breite 35-45
ziemlich häufig
3
Cl. costatum var. costatum Länge 250-400
Breite 30-45 L/B 7-10
ziemlich häufig
2
Cl. cynthia var. cynthia Länge 90-150
Breite 11-19 L/B 6-10
ziemlich häufig
3
Cl. dianae var. dianae Länge 180-300
Breite 20-30 L/B 10-14
häufig
Ökologie nicht ausreichend bekannt
Cl. gracile var. gracile Länge 120-200
Breite 4,5-6 L/B 20-50
häufig
3
Cl. intermedium Länge 200-400
Breite 20-35 L/B 10-15
häufig
3
Cl. juncidum Länge 180-300
Breite 8-12 L/B 20-35
häufig
3
Cl. lunula Länge 400-650
Breite 60-100 L/B 13-20
häufig
derzeit ungefährdet
Cl. navicula Länge 35-65
Breite 10-17 L/B 3-5
häufig
3
Cl. nilssonii Länge 130-250
Breite 14-16 L/B 7-17
häufig
nicht aufgenommen
Cl. parvulum Länge 90-130
Breite 10-15 L/B 6-15
häufig
derzeit nicht gefährdet
Cl. rostratum Länge 300-500
Breite 20-30 L/B 12-18
häufig
3
Cl. striolatum Länge 200-400
Breite 25-40 L/B 8-12
häufig
3
Cl. venus Länge 60-80
Breite 7-10 L/B 8-12
verbreitet
3
Gattung Cosmarium:
C. brebissonii Länge 95
Breite 70
sehr selten
3
C. caelatum Länge 40-50
Breite 36-38
verbreitet
2
C. difficile Länge 25-32
Breite 16-22
verbreitet
derzeit ungefährdet
C. nasutum Länge 30-50
Breite 23-40
Begleitart
nicht aufgenommen
C. vogesiacum Länge 19-23
Breite 18-22
selten
nicht aufgenommen
Gattung Euastrum:
E. ansatum Länge 70-90
Breite 35-50
weit verbreitet
3
E. crassum Länge 140-200
Breite 75-90
weit verbreitet
3
E. elegans Länge 30-38
Breite 10-15
weit verbreitet
3
E. denticulatum Länge 20-28
Breite 16-22
weit verbreitet
3
E. didelta Länge 120-150
Breite 60-75
weit verbreitet
3
E. humerosum Länge 120-140
Breite 67-75
weit verbreitet
2
E. pseudotuddalense Länge 18-19
Breite 15-16
sehr selten, alpine Form
nicht erwähnt
E. oblongum Länge 144-180
Breite 65-85
weit verbreitet
3
Gattung Hyalotheka:
H. dissiliens Länge 15-25
Breite 20-30
häufig
derzeit ungefährdet
H. mucosa Länge 14-22
Breite 10-20
wenig verbreitet
derzeit ungefährdet
Gattung Micrasterias:
M. crux-melitensis Länge 90-120
Breite 80-120
verbreitet
3
M. denticulata Länge 200-280
Breite 180-230
weit verbreitet
3
M. papillifera Länge 100-150
Breite 95-150
weit verbreitet
3
M. rotata Länge 200-300
Breite 190-270
weit verbreitet
3
M. thomasiana var. notata Länge 200-250
Breite 170-220
weit verbreitet
3
M. truncata Länge 80-120
Breite 80-100
weit verbreitet
3
Gattung Netrium:
N. digitus Länge 90-450
Breite 30-100
häufig
3
N. interruptus Länge 100-350
Breite 25-70
verbreitet
2
N. oblongum Länge 100-150
Breite 30-35
häufig
2
Gattung Penium:
P. cylindrus Länge 30-55
Breite 14-17
verbreitet
3
P. spirostriolatum Länge 100-250
Breite 17-28
verbreitet
2
Gattung Roya:
R. obtusa var. anglica Länge 26-95
Breite 5-8
sehr selten
1(vom Aussterben bedroht)
R. cambrica Länge 138-207
Breite 6-9
selten
nicht erwähnt
Gattung Spirotaenia:
Sp. condensata Länge 60-300
Breite 15-30
verbreitet aber stark gefährdet
Sp. obscura Länge 40-230
Breite 10-30
verbreitet
2
Gattung Staurastrum:
St. alternans Länge 28-30
Breite 29-34
verbreitet
3
St. capitulum Länge 37-40
Breite 24-28
allgemein verbreitet
nicht aufgeführt
St. hirsutum Länge 38-54
Breite 31-52
verbreitet
3
St. margaritaceum var. margaritaceum Länge 24-30
Breite 24-28
allgemein verbreitet
nicht aufgeführt
St. muricatum Länge 46-60
Breite 40-55
weit verbreitet
3
St. punctulatum Länge 33-38
Breite 32-39
weit verbreitet
derzeit ungefährdet
St. senarium Länge 26-33
Breite 30-37
verbreitet
nicht erwähnt
St.subbrebissonii Länge 36-45
Breite 34-44
vereinzelt
nicht erwähnt
St. teliferum Länge 32-47
Breite 27-43
verbreitet
3
Gattung Staurodesmus:
Std. glaber Länge 18-25
Breite 16-25
verbreitet
3
Std. incus Länge 15-25
Breite 13-22
allgemein verbreitet
3
Std. dejectus Länge 20-28
Breite 20-28
verbreitet
derzeit ungefährdet
Gattung Tetmemorus:
T. brebissonii Länge 150-220
Breite 25-40
häufig
3
T. granulatus Breite 150-230
Breite 25-40
häufig
3
T. laevis Länge 80-120
Breite 20-30
häufig
3
Danken möchte ich Herrn Prof. Lenzenweger aus Ried im Innkreis, der mich auf den beiden Exkursionen ins NSG begleitet hat und mit dem die Gattungs- und Artenliste gemeinsam erstellt wurde.
Herr Lenzenweger gehört weltweit zu den derzeit 5 bekanntesten Desmidiaceen Kennern.
Seine 4 Bände „Desmidiaceenflora von Österreich“ mit hervorragenden Zeichnungen ist die vollständigste Bestimmungsliteratur für unseren Bayerischen Wald.
Literatur
ETTL, H., (1980): Grundriss der allgemeinen Algologie. 549 Seiten, 260 Abb., Stuttgart.
FÖRSTER, K. (1982): Das Phytoplankton des Süßwassers. 543 S., Stuttgart.
GUTOWSKI, A. & MOLLENHAUER, D. (1996): Rote Liste der Zieralgen Deutschlands. Bonn Bad Godesberg.
LENZENWEGER, R., (1996/2003): Desmidiaceenflora von Österreich. Band 1-4, 683 S., Berlin/Stuttgart.
Růžička, J.(1977/1981): Die Desmidiaceen Mitteleuropas, Band 1 und 2, 736 S., Stuttgart.
Autor und Verfasser:
Hans Jürgen Steinkohl
Max-Matheis-Straße 64
D-94036 Passau
Tel. 0851/ 82137
Email: summilux@gmx.de
http://www.summilux.de
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